Vortrag & Diskussion „Der erinnerungskulturelle Umgang mit der NS-Vergangenheit in Deutschland – Zwischen Verdrängung und Aneignung – Gestern – heute – morgen“ am 05.09.2010 in Schleiden-Herhahn bei Vogelsang

Am 1. September 1957, dem 18. Jahrestag des deutschen Überfalls auf Polen rief der Deutsche Gewerkschaftsbund erstmals unter dem Motto „Nie wieder Krieg“ zu pazifistischen Kundgebungen auf. Die Aktionen standen damals im Zeichen der Wiederbewaffnung der Bundesrepublik und des Beschweigens der noch nicht allzu lang zurückliegenden NS-Vergangenheit. Die DDR beging das Datum als „Weltfriedenstag“, blieb aber in ihrem Umgang mit der Vergangenheit einem starren, mythologisierten Antifaschismus verhaftet, der die zentrale historische Meistererzählung des sozialistischen Staates bildete.

In den Jahren unmittelbar nach der Wiedervereinigung prägten zunächst totalitarismustheoretische Argumentationsmuster verstärkt die erinnerungspolitischen Diskurse. Oftmals ging es dabei darum, den Nationalsozialismus als einen Teilaspekt einer zweifachen „totalitären Diktaturerfahrung“ zu relativieren.

Während der 1990er Jahre änderte sich der Umgang mit der Geschichte: Gerade weil man aus der Geschichte gelernt und diese aufgearbeitet habe, müsse Deutschland nun wieder “Verantwortung“ in der Welt übernehmen. Die angeblich erfolgreich vollzogene „Vergangenheitsbewältigung“ bildet nunmehr einen der zentralen Referenzpunkte der „Berliner Republik“. Zudem ist zu beobachten, dass sich Grundzüge einer globalen Erinnerungskultur herausbilden, in der der Holocaust zwar zu einer Chiffre für das Menschheitsverbrechen schlechthin avanciert, dabei aber gleichzeitig dessen konkreten historischen Bezüge und Hintergründe verblassen.

Deutschland denken heißt Auschwitz denken Deutschland denken heißt Auschwitz denken

Die Entwicklung ist ambivalent, bietet sie doch Anknüpfungspunkte auch für die neuen deutschen Opferdiskurse, die um den Bombenkrieg, Flucht und Vertreibung kreisen. In diesem Kontext erfährt sogar die zweifelsfrei feststehende Kriegsschuld des Deutschen Reiches eine Relativierung. Neonazis versuchen beispielsweise den „Antikriegstag“ in einen „Nationalen Antikriegstag“ umzudeuten, an dem es nicht mehr um das Gedenken an die Opfer des von Deutschland begonnenen Zweiten Weltkriegs geht, sondern aggressiv gegen den angeblichen „Schuldkult“ gehetzt wird.

Der Vortrag zieht zum einen eine kritische Bilanz der geschichtspolitischen Umbrüche der vergangenen Jahrzehnte. Zum anderen sollen mögliche Entwicklungslinien künftiger Erinnerungskulturen skizziert werden.


Der erinnerungskulturelle Umgang mit der NS-Vergangenheit in Deutschland – Zwischen Verdrängung und Aneignung – Vortrag & Diskussion in Schleiden-Herhahn am 05.09.2010 – ca. 57 Minuten – MP3

Michael Sturm ist Historiker und Mitarbeiter des Geschichtsortes Villa ten Hompel in Münster.

http://ermittlungen.twoday.net/stories/zwischen-verdraengung-und-aneignung/

http://de.wikipedia.org/wiki/Villa_ten_Hompel
http://www.muenster.de/stadt/villa-ten-hompel/


1 Antwort auf „Vortrag & Diskussion „Der erinnerungskulturelle Umgang mit der NS-Vergangenheit in Deutschland – Zwischen Verdrängung und Aneignung – Gestern – heute – morgen“ am 05.09.2010 in Schleiden-Herhahn bei Vogelsang“


  1. 1 X-ni-X 18. September 2010 um 10:04 Uhr

    Hi, sehr schöner Vortrag. Danke für die MP3 Aufnahme und Veröffentlichung. Macht mal mehr davon.

    MaG X-ni-X

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