Archiv für Juni 2011

Grauzone-Band „Enkelz“ in Lissendorf

Die Böhse Onkelz-Coverband „Enkelz“, deren Auftritt in Kall wir bereits letztes Jahr im Dezember kritisierten, tritt nun wieder in der Region auf, dieses mal in Lissendorf (Rheinland-Pfalz). Dazu verfassten wir einen offenen Brief an die Veranstalter_innen und Sponsor_innen des Konzerts, an den Bürgermeister von Lissendorf und die Verbandsgemeinde Oberkyll:

    Kreis Euskirchen, Juni 2011

    Offener Brief an die Veranstalter_innen und Sponsor_innen des Enkelz-Konzerts in Lissendorf

    Sehr geehrte Damen und Herren,

    Wir, die Antifa Euskirchen/Eifel, sehen das geplante Konzert der Böhse Onkelz-Coverband „Enkelz“ mehr als kritisch. Schließlich sind die Enkelz nicht nur eine harmlose Coverband, sondern sind ganz eindeutig der „Grauzone“1 zuzuordnen, also einer Mischszene aus Nazis und „normalen“ Menschen.

    Konzerte der Enkelz ziehen gewaltbereite Neonazis an. So waren z.B. bei einem Enkelz-Konzert im März 2009 in Kall nachweislich Mitglieder der NPD Düren, der „Freien Nationalisten Euskirchen“, der „Kameradschaft Aachener Land“ sowie des „AB Mittelrhein“ anwesend. Auch am 11.12.2010 traten die Enkelz wieder in Kall auf und wieder kündigten auch die Freien Nationalisten Euskirchen ihr Erscheinen an. Auf ihrem Twitter-Account konnte man lesen: „Heute wieder ‚Enkelz‘ Konzert in Kall. Ob wir da mal auftauchen sollen???“2
    Bei diesem Konzert kam es anscheinend zu einer Schlägerei, wie der User „Spritkopp“ in einem Forum schrieb:
    „War mein erstes Enkelz-Konzert und es war sau geil. bis auf die schlägerei am ende und den 2 Krankenwagen war mal wieder scheiße, sind alle zum selben zweck da und schlagen sich“3
    Ob Nazis bei dieser Schlägerei involviert waren, ist unklar, es ist aber durchaus möglich.


    Freie Nationalisten Euskirchen (FNE) kündigten auf Twitter ihr Erscheinen auf einem Enkelz-Konzert an

    Dass Nazis gerne die Enkelz hören, ist auch kein Wunder, schließlich spielt die Band auch Lieder aus der Rechtsrock-Zeit der Onkelz, wie z.B. „Frankreich ’84“ („Ja, wir seh‘n uns in jedem Fall im Sommer ’84 beim Frankreichüberfall“), „Deutschland“ und „Stolz“. Das Album „Der Nette Mann“, von dem diese Songs stammen, wurde 1986 indiziert.

    Zudem stammt mindestens ein Bandmitglied aus der Neonaziskinhead-Szene.
    Bandmitglied Dominic Burzlaff gibt nämlich zu, früher bei Commando Pernod gespielt zu haben, einer eindeutig rechtsextremen Band. Auch wenn er selbst behauptet, so etwas damals nur wegen einiger „pubertärer Hirnschäden“4 gesungen zu haben, ist fragwürdig, ob er sich tatsächlich komplett von der Szene abgewandt hat, man denke nur an die Rechtsrock-Lieder der Onkelz, die von den Enkelz auch heute noch gerne gespielt werden.
    Auch andere Bandmitglieder sollen früher bei Commando Pernod gewesen sein.

    All dies wird auch von Neonazis bestätigt. So findet sich im extrem rechten Thiazzi-Forum folgender Eintrag:

    „Tja, der verehrte Dominic Burzlaff meint das er durch einen pupertären Hirnschaden damals sowas gesungen hat! Er meint er hätte mit all dem ja eigentlich gar nichts wirklich zu tun gehabt und wäre seit 16 Jahren raus aus der Szene! Fakt ist aber das er noch mindestens bis 1997 dabei war! Nachdem Commando Pernod sich so 1993/1994 aufgelöst hatten, hatte er ja noch kurz versucht musikalisch in der NS Szene was auf die Beine zu stellen! Dies unter dem schicken Namen „Mesias“! Gibt aber glaube ich nur ein Lied von der Band welches mal auf der Rocknord KollektionsCD veröffentlicht wurde! Auch meinte er dass das durchaus gute Lied „Skinhead bist du nicht!“ ein Abschied von der Szene sein soll! Sehr seltsam wenn man bedenkt wie lange es Commando Pernod noch gab und man noch einige Konzerte wie in Northeim ausgerechnet unter anderem mit dem Lied „Skinhead bist du nicht bestritt“. Bei den Enkelz zupft er jetzt den Bass und einige der anderen Mitglieder stammen wohl auch aus der CP Kapelle, auch wenn sie das abstreiten! Die Stellungnahme und einiges anderes wissenswetes zu Herrn Burzlaff und CP findest du in dem Thema in der die LP Veröffentlichung der „Steh auf“ angekündigt wurde!“5


    Naziskinheadband Commando Pernod aus Hamburg – Covers mit einschlägiger neonazistischer Botschaft

    Schon beim letzten Auftritt der Enkelz in der Region, im Dezember 2010 in Kall, übten wir heftige Kritik.6 Der Kreis Euskirchen galt bei Nazis schon seit längerem als ruhiges Hinterland, in dem man Konzerte veranstalten und Propaganda machen kann, ohne mit antifaschistischem Widerstand rechnen zu müssen. Dies hat sich nun anscheinend geändert und die Enkelz ziehen sich lieber noch weiter ins Hinterland zurück, nämlich nach Rheinland-Pfalz, wie es auch viele Nazis mit ihren Veranstaltungen machen.

    Doch wir geben uns nicht damit zufrieden. Wir machen auch überregional auf das Problem der Grauzone aufmerksam. Deswegen fordern wir Sie dazu auf:

    Setzen Sie ein Zeichen gegen Faschismus und Rassismus!

    Dulden sie keine Grauzone, in der Nazis toleriert werden und in der sich deswegen
    neonazistische Gedanken ausbreiten können!

    Sagen sie das Enkelz-Konzert am 22.7. in Lissendorf ab!

    Mit freundlichen Grüßen,

  1. Eine Definition der Grauzone findet man unter: http://oireszene.blogsport.de/2010/12/23/subkulturelle-farbenlehre-die-grauzone-2/ [zurück]
  2. http://anonymouse.org/cgi-bin/anon-www_de.cgi/http://twitter.com/fneeuskirchen vom 11.12.2010 [zurück]
  3. http://parties-events-forum.rockz.com/48129-11-12-2010-Buergerhalle-Kall-ENKELZ-Boehse- Onkelz-Tribute-Konze [zurück]
  4. http://netterblog.blogg.de/eintrag.php?id=125 [zurück]
  5. http://anonymouse.org/cgi-bin/anon-www_de.cgi/http://forum.thiazi.net/showthread.php?t=67372 [zurück]
  6. Siehe http://antifaeifel.blogsport.de/2010/12/11/boehse-onkelz-coverband-enkelz-hamburg-heute-in-kall [zurück]

Gerichtliche Kriminalisierung und staatsanwaltliche Einschüchterungsversuche von Antifaschist_inn_en nach Neonazidemonstration in Remagen

23jähriger Ziel von massiven Repressionen nach Protesten am 20.11.2010 in Remagen. Zeuge der Verteidigung im Gerichtssaal verhaftet. Weitere Prozesse stehen an.

Remagen Soli

Am 12.05.2011 wurde vor dem Amtsgericht Bad Neuenahr-Ahrweiler gegen einen 23jährigen Antifaschisten verhandelt. Er soll laut Anklage einem Polizeibeamten mittels eines harten Gegenstandes in einem Rucksack oder Stoffbeutel eine Platzwunde am Kopf zugefügt haben. Der 23jährige wurde ohne Beweise zu einer zur Bewährung ausgesetzten 18monatigen Gefängnisstrafe, einer Reihe schikanierender Auflagen, 150 Sozialstunden sowie einer Schmerzensgeldzahlung in Höhe von € 1.500,00 verurteilt.

Was war passiert:
Der Angeklagte wollte am 20.11.2010 gegen den in Remagen jährlich stattfindenden Aufmarsch von Neonazis demonstrieren. Als er sich zusammen mit anderen Demonstrant_inn_en in einer frei zugänglichen Straße befand, wurde er vom später verletzten Remagener Streifenpolizisten mit Pfefferspray besprüht. Der Polizist versah dort seinen Streifendienst; für einen Einsatz im Demonstrationsgeschehen war er nicht vorgesehen. Laut Aussage des Zeugen der Verteidigung drohte der Beamte der gesamten Gruppe mit einem Teleskopschlagstock. Der geschädigte Polizist sagte aus, er sei von einem, mit einem harten Gegenstand gefüllten, Beutel oder Rucksack am Kopf getroffen worden. Die Täterschaft des 23jährigen begründete der Polizist nun vor Gericht damit, dass er den Täter zwar während des Schlages nicht sehen konnte, sich jedoch sicher sei, nur dem Täter Pfefferspray ins Gesicht gesprüht zu haben. Da sich der junge Antifaschist eigenständig in die Obhut eines in der Nähe stehenden Rettungswagens begeben hatte, um seine Augenreizungen behandeln zu lassen, war dem Polizisten nun klar, dass
der verletzte Demonstrant der Täter sein müsse und ließ ihn noch im Krankenhaus festnehmen. (Eine Zeugenbeschreibung des Vorfalls wurde zeitnah auf indymedia veröffentlicht unter

http://de.indymedia.org/2010/11/294920.shtml?c=on#c684721 .

Weitere Personen wurden am 20.11.2011 wahllos in Gewahrsam genommen, teils erkennungsdienstlich behandelt und danach wieder frei gelassen. Bei mindestens 6 Personen stehen zur Zeit noch Gerichtsverfahren an.

Bei der Haftprüfung des 23jährigen Antifaschisten am 21.11.2010 wurde zwar der Haftbefehl gegen Auflagen außer Vollzug gesetzt, der ermittelnde Oberstaatsanwalt Johannes-Walter Schmengler tönte jedoch schon dort, dass er den vermeintlichen Täter und seine „Freunde allesamt in den Knast“ bringen werde. Vom rechtsstaatlichen Grundsatz der Unschuldsvermutung war also von Anfang an nicht die Rede. Die weiteren Ermittlungen der Staatsanwaltschaft spiegeln diese Vorabverurteilung wider.

Es wurde weder bei dem Beschuldigten noch anderswo die vermeintliche Tatwaffe – ein Rucksack bzw. ein Stoffbeutel – gefunden. Es gibt für die Tatannahme keine weiteren Zeug_inn_en, und es gibt keine Beweise. Alleine die Tatsache, dass der Antifaschist sich wegen der ihm zugefügten starken Augenreizung in unmittelbarer Nähe zum Tatort in medizinische Behandlung begeben hat, reichte dem Gericht für dieses Skandalurteil aus. Oberstaatsanwalt Schmengler folgte seiner Linie der
unbewiesenen Vorverurteilungen, indem er den Angeklagten und seinen Verteidiger beschimpfte und Menschen im Publikum ohne Rechtsgrundlage Schreibblöcke und Stifte abnehmen ließ. Ein Entlastungszeuge, der vor Gericht aussagen konnte, dass der Angeklagte keinen Rucksack oder Beutel mit sich geführt habe, der Polizeibeamte aber mit Pfefferspray und Teleskopschlagstock gegen die Demonstrant_inn_engruppe vorgegangen sei, wurde zum krönenden Abschluss wegen vermeintlicher Falschaussage in Handschellen aus dem Gericht abgeführt. Er wurde über 6 Stunden in Polizeigewahrsam gehalten. Ihm droht nun ebenfalls ein Gerichtsverfahren.

„Hier geht es nicht um die Verurteilung eines Täters“, sagt die Pressesprecherin der Antifa Bonn/Rhein-Sieg, Melanie Hübsch, „hier soll dringend notwendiges antifaschistisches Engagement kriminalisiert werden. In der Region Rhein-Ahr gibt es mit dem Aktionsbüro Mittelrhein eine der aktivsten und gefährlichsten Nazigruppierungen in Westdeutschland. Die Methoden der Staatsanwaltschaft Koblenz haben den Boden der Rechtsstaatlichkeit lange verlassen. Verurteilungen ohne Beweise und eklatante Zeugeneinschüchterungen dürfen nicht hingenommen werden. Was sich hier abspielt muss von einer unabhängigen,
demokratischen und rechtsstaatlichen Öffentlichkeit beobachtet werden. Das Urteil gegen den jungen Antifaschisten muss aufgehoben werden.“

Die Solidaritätsgruppe für die kriminalisierten Antifaschist_inn_en von Remagen hält die Umsetzung der Forderungen von Melanie Hübsch für unabdingbar, insbesondere vor dem Hintergrund weiterer anstehender Prozesse gegen Antifaschist_inn_en. Die Kriminalisierungsversuche der Staatsanwaltschaft Koblenz dürfen nicht dazu führen, dass im November 2011 Neonazis ohne Gegenproteste erneut in Remagen aufmarschieren können.

Die nächsten Prozesse wegen des Vorwurfs des Landfriedensbruchs sowie der gefährlichen Körperverletzung finden am 25.07.2011 und am 15.08.2011 jeweils gegen drei Personen am Amtsgericht Sinzig vor dem Jugendrichter statt.

Ausführlichere Informationen gibt es hier:

http://remagensoli.blogsport.de/images/remagenjuni2011.pdf

Bonn, Juni 2011
Solidaritätsgruppe für die kriminalisierten Antifaschist_inn_en von Remagen

http://www.remagensoli.blogsport.de

Fight repression and party on!

Soli

Samstag, 11. Juni, ab 21 Uhr
Soliparty für die kriminalisierten Antifaschist_innen von Remagen
mit Realitätsflucht
drum n bass minimal progressive
im AZ Köln