Archiv für Dezember 2011

Same shit … different year! Auf einen guten Rutsch ins neue Jahr!

Same shit ... different year!

Unser Denken und Handeln ist so einzurichten, dass Auschitz nicht sich wiederhole, nichts ähnliches geschehe.
T.W. Adorno

Zierden soll Thilo Sarrazin ausladen

Zierden soll Thilo Sarrazin ausladen

Am 10. Mai 2012 soll der ehemalige Berliner Finanzminister im Rahmen des Eifel-Literatur-Festivals in Prüm aus seinem Buch „Deutschland schafft sich ab“ lesen. Das will die Antifa Euskirchen/Eifel nicht hinnehmen.

Kreis Euskirchen – Mit einem Offenen Brief hat sich die Antifa Euskirchen/Eifel nun an Dr. Josef Zierden in Prüm gewandt. Die Antifa – ein Zusammenschluss vornehmlich gegen Nationalismus, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit agierender Menschen – fordert Zierden in seiner Funktion als Organisator des renommierten Eifel-Literatur-Festivals auf, die für 2012 angekündigte Lesung von Thilo Sarrazin abzusagen.

Laut Programmankündigung ist Sarrazin am 10. Mai nächsten Jahres in der Aula an der ehemaligen Hauptschule in Prüm zu Gast, wo er aus seinem Buch „Deutschland schafft sich ab“ liest. Das Buch ist Ende August 2010 erschienen. Sarrazin, unter anderem ehemaliger SPD-Finanzminister von Berlin, wurde für seine Thesen zur Integrationsbereitschaft und -fähigkeit vornehmlich muslimischer Migranten einerseits heftig kritisiert. Doch gab es auch einiges Lob für seine Aussagen.

Kritik am Buch

In den Reihen der Antifa Euskirchen/Eifel sieht man das Buch allerdings als eine Ansammlung „allerlei rassistischer, völkischer und antisemitischer Thesen, denen niemand ein Forum bieten sollte“.In dem Brief an Josef Zierden heißt es weiter: „Gerade Sie als Geschichtslehrer und Mitbegründer eines Geschichtsvereins sollten wissen, wohin solche These führen können.“

All diese Thesen, so die Antifa weiter, seien bereits seit Jahrzehnten bei Neonazis offen zu lesen. Neu an dem „Phänomen Sarrazin“ sei, dass ein „exponierter Vertreter der Sozialdemokratie“ solche Aussagen öffentlich tätigt. „Wer sich auf Meinungsfreiheit beruft, um rassistischen Diskursen ein Forum zu geben, negiert die soziale Verantwortung, ohne die Meinungsfreiheit keinen Sinn macht“, geben die Antifa-Mitglieder zu bedenken.

Die Euskirchener Grünen-Sprecherin Nathalie Konias, auf deren Betreiben die beiden Bündnisse gegen Rechts im Kreis Euskirchen fortan kooperieren, teilt die Einschätzung der Antifa. „Ich begreife es nicht, wie man diesen Fundamentalisten in die Eifel einladen kann“, sagt sie auf Nachfrage des „Kölner Stadt-Anzeiger“ kopfschüttelnd. Sarrazin verbreite „weichgespülten Rassismus“ und verbreite mit seinem Buch „braunes Gedankengut in unserer Gesellschaft“. Konias: „Wehret den Anfängen.“ Wie Vertreter der Antifa dem „Stadt-Anzeiger“ erklärten, hoffen sie, dass der Organisator Zierden ein Einsehen hat und den Auftritt Sarrazins absagt. Geantwortet auf den Offenen Brief habe Zierden bislang nicht.


Quelle: Kölner Stadt-Anzeiger 28.12.2011 http://www.euskirchen-online.ksta.de/html/artikel/1325073786877.shtml

Quelle: Offener Brief an Dr. Josef Zierden, Organisator des Eifel Literatur Festivals wegen des Auftritts von Thilo Sarrazin an 10.5.2012 in Prüm http://antifaeifel.blogsport.de/2011/12/14/offener-brief-an-dr-josef-zierden-organisator-des-eifel-literatur-festivals-wegen-des-auftriits-von-thilo-sarrazin-an-10-5-2012-in-pruem/

Im Dienste zweier Herren – V-Leute

Photo: Günter Havlena / pixelio.de

Der Einsatz von V-Leuten in der rechtsextremen Szene ist in der Politik umstritten, ihr Nutzen ist fraglich. Geheimdienste halten die Spitzel in der Regel für unverzichtbar. Ein 2003 eingeleitetes Verbotsverfahren gegen die NPD wurde wegen der vielen V-Leute von Karlsruhe allerdings zurückgewiesen. Um ein erneut angestrebtes NPD-Verbotsverfahren nicht wieder zu gefährden, fordern Politiker wie der SPD-Fraktionsgeschäftsführer Thomas Oppermann einen Zeitplan für den Abzug der V-Leute in der rechtsextremen Partei. In deren Reihen sollen rund 130 Spitzel zugange sein. Auch im Umfeld des Neonazi-Terrortrios um Beate Zschäpe, Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos tummelten sich zeitweilig mehrere V-Leute. Dennoch konnte die Neonazi-Untergrundzelle fast 14 Jahre lang morden, Banken überfallen und Sprengstoffanschläge durchführen.

In einem Interview erklärte der Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz, Heinz Fromm, kürzlich, dass die Spitzel kein „perfektes Instrument“ darstellen würden. Die „Annahme, dass V-Leute nur etwas taugen, wenn sie überall sind, alles erfahren und mitteilen“, sei „lebenfremd“, so Fromm.

Mit Wissen der Behörde Waffengeschäfte vermittelt

Zahlreiche Spitzel in der rechtsextremen Szene sind im Laufe der Jahrzehnte bereits aufgeflogen. Bnr.de gibt einen chronologischen Einblick in die Liste enttarnter V-Leute:

Wolfgang Frenz (Solingen) war von 1961 bis 1995 als V-Mann für den nordrhein-westfälischen Verfassungsschutz auf verschiedenen Ebenen in der NPD zugange. Frenz amtierte bis 1998 als NPD-Bundesvorstandsmitglied und bis 2002 als NPD-Landesvize in NRW.

Werner Gottwald (Oldenburg, Niedersachsen) spitzelte von 1973 bis 1977 für das Bundesamt für Verfassungsschutz und vermittelte mit Wissen der Behörde Waffengeschäfte. Gottwald soll unter anderem Faustfeuerwaffen, Maschinenpistolen, Handgranaten und Plastiksprengstoff im Wert von cirka 250.000 Euro für die Szene geordert haben.

Mitte der 70er Jahre war Hans-Dieter Lepzien (Peine, Niedersachsen) für das niedersächsische Landesamt für Verfassungsschutz tätig.  Der damalige V-Mann Lepzien, Mitglied der NSDAP/AO, war am Bau von Bomben beteiligt, die am 2. September und 3. Oktober 1977 vor Justizgebäuden in Flensburg und Hannover explodierten. Lepzien wurde deswegen zu dreieinhalb Jahren Gefängnis verurteilt, musste den Gang in den Knast jedoch nicht antreten.

Spezialgebiet Südtirol

Udo Holtmann (Wuppertal, Nordrhein-Westfalen), vormals langjähriger NPD-Landesvorsitzender in Nordrhein-Westfalen und NPD-Bundesvorstandsmitglied, war von 1978 bis 2002 Zuträger für das Bundesamt für Verfassungsschutz. Holtmann soll mit Wissen der NPD-Führung vom Verfassungsschutz angeworben worden sein.

Peter Weinmann (Bonn) arbeitete von den 70er bis in die 90er Jahre für verschiedene Dienste. Neben seinem Einsatz für das Bundesamt für Verfassungsschutz war er für das Ministerium für Staatssicherheit und den italienischen Geheimdienst SISMI zugange. Als sein Spezialgebiet galt Südtirol.

Stefan Dedolf  (Northeim, Niedersachsen), damals Aktivist der Freiheitlichen Deutschen Arbeiterpartei (FAP), war von 1983 bis 1988 für das Landesamt für Verfassungsschutz in Niedersachsen tätig.

Klaus Blome  (Bremen) wurde mit seinem Einzug in die Bremer Bürgerschaft 1991 vom Bundesamt für Verfassungsschutz als Quelle abgeschaltet. Zuvor hatte er jahrelang die Deutsche Volksunion (DVU) ausgeforscht.

Verdächtige vor Hausdurchsuchungen gewarnt

Bernd Schmitt  (Solingen, Nordrhein-Westfalen), Inhaber der Kampfsportschule „Hak Pao“ in Solingen, trainierte die Brandanschlagsmörder von 1993 in Solingen. Zu diesem Zeitpunkt stand Schmitt in Diensten der nordrhein-westfälischen Verfassungsschützer. Der damalige NRW-Innenminister Herbert Schnoor musste später zugeben, dass der V-Mann verdächtige Neonazis vor Hausdurchsuchungen gewarnt hatte.

Bela Ewald Althans (München, Bayern) war nach dem Tod von Michael Kühnen im Jahr 1991 einer der bedeutendsten Neonazis und Strippenzieher im Lager der Holocaust-Leugner. Von 1991 bis 1994 bespitzelte Althans für den bayerischen Verfassungsschutz die braune Szene.

Der antisemitische Hetzer Thomas Dienel  aus Erfurt, Deckname „Küche“, zeitweiliger NPD-Landesvorsitzender in Thüringen, war 1996/1997 für das dortige Landesamt für Verfassungsschutz tätig.

Mike Layer (Stuttgart), Deckname „Fritz“, arbeitete als Mitglied der NPD-Jugendorganisation Junge Nationaldemokraten dem baden-württembergischen Landesamt für Verfassungsschutz 1996/97 zu. Nach seiner VS-Tätigkeit wurde Layer zum  JN-Landesvorsitzenden in Baden-Württemberg gekürt.

Am Vertrieb der „Landser“-CD mitgewirkt

Michael Grube (Wismar), betätigte sich von 1997 bis 1999 als Zuträger für das Landesamt für Verfassungsschutz in Mecklenburg-Vorpommern. Der zeitweilige Wismarer NPD-Kreisvorsitzende und NPD-Landtagskandidat beteiligte sich im März 1999 an einem Brandanschlag auf eine Pizzeria in Grevesmühlen. Mit Wissen des Verfassungsschutzes gründete Grube im Januar 1999 die Sozialistische Volkspartei.

Mirko Hesse (Langburkersdorf, Sachsen) war Führer der sächsischen „Hammerskins“, Rechtsrock-Dealer und V-Mann für das Bundesamt für Verfassungsschutz. Während seiner Spitzel-Zeit Ende der 90er Jahre wirkte er an der Produktion und dem Vertrieb der CD „Ran an den Feind“ der inzwischen verbotenen Combo „Landser“ mit. Auf der „Landser“-CD wird zur Gewalt gegen Bundestag und Bundesregierung aufgerufen, Migranten mit Mord gedroht und „Bomben auf Israel“ propagiert.

Carsten S. (lebt heute unter neuer Identität) arbeitete Ende der 90er Jahre unter dem Decknamen „Piato“ für das brandenburgische Landesamt für Verfassungsschutz. S. nahm 1994 aus der Untersuchungshaft Kontakt mit den Verfassungsschützern auf. Im Folgejahr wurde er wegen gemeinschaftlich begangenen versuchten Mordes zu acht Jahren Freiheitsstrafe verurteilt. Anfang 1997 wurde S. bereits in den offenen Strafvollzug übernommen. Er berichtete zunächst aus der militanten Szene. 1999 trat S. in die NPD ein. Wenige Wochen später wurde er als Beisitzer in den brandenburgischen NPD-Landesvorstand gewählt.

„Irgendwann muss man kämpfen“

Marcel Degner (Erfurt, Thüringen) war einer der Kader von „Blood&Honour“, denen das Bundesinnenministerium im September 2000 die Verbotsverfügung zustellte. Seine Spitzeltätigkeit übte Degner in den Jahren von 1996 bis 2000 aus. 1996 war Degner einer der Organisatoren einer Fahrt von Neonazis zur Gedenkstätte Buchenwald. Über den Gedenkstättenbesuch der Neonazis wurde in den Medien bundesweit berichtet, da die braune Horde in der Gedenkstätte randalierte.

Matthias Meier (Stralsund), zeitweilig Stralsunder NPD-Kreisvorsitzender und NPD-Landespressesprecher in Mecklenburg-Vorpommern, arbeitete von 1998 bis  2000 als V-Mann für das Bundesamt für Verfassungsschutz. Meier soll laut Medienberichten Neonazis 1999 gedrängt haben, „in einer paramilitärischen Gruppe Wehrsportübungen“ durchzuführen.“ „Irgendwann muss man kämpfen“, so Meier.

Tino Brandt (Rudolstadt), Deckname „Otto, ist zwischenzeitlich bundesweit bekannt. Brandt stand von 1994 bis 2001 in den Diensten des thüringischen Verfassungsschutzes und hatte enge Kontakte zu den Mitgliedern der späteren Neonazi-Terrorzelle „Nationalsozialistischer Untergrund“ (NSU).

Toni Stadler (Guben, Brandenburg) war NS-Devotionalienhändler und Rechtsrock-Dealer. In den Jahren 2001/02 arbeitete er dem  Landesamt für Verfassungsschutz Brandenburg zu. Während seiner Spitzelzeit war Stadler Vertriebschef der Band „White Aryan Rebels“ (WAR). WAR rief in ihrer CD „Noten des Hasses“ zum Mord unter anderem an Alfred Biolek und Michel Friedman auf.

Peter Viola (Hamm, Nordrhein-Westfalen), Aktivist der Jungen Nationaldemokraten, soll 2001/02 für den nordrhein-westfälischen Verfassungsschutz gespitzelt haben.

Als Aktivistin bei „Europaen Brotherhood Radio“

Bastian Tilger (Lübeck) stellte während seiner Zeit als V-Mann für den schleswig-holsteinischen Verfassungsschutz auf einem Friedhof eine überdimensionale Hitler-Gedenktafel auf. 2002 wurde Tilger, zeitweilig schleswig-holsteinisches NPD-Landesvorstandsmitglied, enttarnt.

Michael Wobbe (Braunschweig, Niedersachsen) flog 2002  als V-Mann des niedersächsischen Verfassungsschutzes auf. Wobbe war Sicherheitschef der 1992 wegen Wesensverwandtschaft mit dem Nationalsozialismus verbotenen Neonazi-Truppe Nationalistische Front (NF).

Sebastian Seemann (Lünen, Nordrhein-Westfalen) wurde von 2004 bis 2007 von nordrhein-westfälischen Verfassungsschützern als V-Mann in der Neonazi-Szene geführt. Zum Zeitpunkt seines Outings saß Seemann wegen Kokainhandels in U-Haft. Gegen Seemanns leitenden V-Mann-Führer ermittelte die Düsseldorfer Staatsanwaltschaft wegen Strafvereitelung und Geheimnisverrat.

Matthias Rott (Nossen, Sachsen) wurde 2008 als V-Mann des sächsischen Landesamtes für Verfassungsschutz bei der Neonazi-Terrorgang „Sturm 34“ enttarnt. Rott war seit 2006 im Einsatz.

Doris König alias „Sandra Franke“ (Soltau, Niedersachsen) wurde 2008/09 vom niedersächsischen Landesamt für Verfassungsschutz als V-Frau geführt. König war eine der maßgeblichen Aktivistinnen des Neonazi-Senders „Europaen Brotherhood Radio“ . Dort verbreitete sie unter ihrem Pseudoym „Gefjon“ übelsten Antisemitismus und Holocaust-Leugnung.

Robert Nagels (Oberhausen, Nordrhein-Westfalen), vormals langjähriges Landesvorstandsmitglied der Republikaner in Nordrhein-Westfalen sagte im April 2009 vor dem Landgericht Düsseldorf aus, dass er seit 1988 für den Verfassungsschutz tätig gewesen sein will.

 

Rechtsextreme in der Mitte der Gesellschaft

Rechtspopulistische Überzeugungen haben sich in bürgerlichen Kreisen etabliert. Die Neonazis wiederum treten anders auf als früher – ohne Glatzen und sozial engagiert.

Seit im November die Morde der Zwickauer Terrorzelle bekannt wurden, ist die vorherrschende Frage: Wie konnte so etwas passieren, warum hat man davon nichts mitgekriegt? Ein Anlass, nicht nur über das Versagen des Verfassungsschutzes nachzudenken, sondern auch über die breite Zustimmung, die rechtsextreme Überzeugungen seit Jahren finden.

Lange prägten drei Annahmen den Umgang mit dem Rechtsradikalismus: Er findet sich in erster Linie in den neuen Bundesländern. Es handelt sich um ein randständiges Problem. Und Rechtsradikale finden sich nur unter gesellschaftlichen Außenseitern.

Diese Annahmen haben dazu geführt, das Problem klein zu reden. Nach neuesten Daten zum Wahlverhalten wird die NPD zwar in den neuen Bundesländern häufiger gewählt als in den alten, die Unterschiede sind aber nicht so gravierend wie gern behauptet wird. In den neuen Bundesländern liegt die NPD bei den Landtagswahlen durchschnittlich bei drei bis vier Prozent, und in den alten Bundesländern bei um die zwei Prozent. In Berlin erhielt die NPD mehr Stimmen als die FDP.

Die Gleichung, wer einmal in einem totalitären System gelebt hat, neigt eher dazu, sich anderen totalitären Ideologien zuzuwenden, ist weitestgehend falsch und erklärt nicht den Rückhalt, den die NPD in vielen Gemeinden der alten Bundesländer genießt. Sie erklärt auch nicht, warum die NPD gerade bei jungen Menschen der neuen Bundesländer Widerhall findet.

Jeder zehnte Deutsche wünscht sich einen Führer

Die Zustimmung zu rechtsextremem Gedankengut ist auch kein randständiges Problem. Dies belegt unter anderem die von der Friedrich-Ebert-Stiftung in Auftrag gegebene und viel beachtete Studie „Die Mitte in der Krise. Rechtsextreme Einstellungen in Deutschland 2010“. Gut jeder vierte Deutsche befürwortet laut Studie eine „starke Partei“, die „die Volksgemeinschaft insgesamt verkörpert“. Mehr als jeder Zehnte wünscht sich einen „Führer, der Deutschland zum Wohle aller mit harter Hand regiert“. Jeder zehnte Bundesbürger hält die Diktatur für die bessere Staatsform.

Hinzu kommt, dass Fremdenfeindlichkeit weit verbreitet ist: Mehr als 30 Prozent der Deutschen stimmen den Aussagen zu „Ausländer kommen, um den Sozialstaat auszunutzen“ und: „Bei knappen Arbeitsplätzen sollte man Ausländer wieder in ihre Heimat schicken“. Im Schlusswort der Studie heißt es deshalb: „Der Wunsch nach Diktatur und die Zunahme von Chauvinismus, Ausländerfeindlichkeit und Sozialdarwinismus gefährden die Demokratie.“

Die Resultate der Ebert-Studie stimmen mit den Ergebnissen der Langzeitstudie „Deutsche Zustände“ des Bielefelder Gewaltforschers Wilhelm Heitmeyer überein. Soeben hat der Soziologe den zehnten Band der Studie vorgestellt. Jeder Zehnte pflichtet darin dem Satz „durch Anwendung von Gewalt können klare Verhältnisse geschaffen werden“ zu. Jeder Fünfte meint, „wenn sich andere bei uns breit machen, muss man ihnen unter Umständen unter Anwendung von Gewalt zeigen, wer Herr im Hause ist“. Dem Satz „Um Recht und Ordnung zu bewahren, sollte man härter gegen Außenseiter und Unruhestifter vorgehen“, stimmen 67,3 Prozent der Deutschen zu. Obwohl sich im Jahr 2010 weniger Bürger (9,2 Prozent) den Rechtspopulisten direkt zurechnen lassen als noch im Jahr 2003 (13,6 Prozent), finden rechtspopulistische Einstellungen für sich genommen mehr Rückhalt unter den Menschen ganz unterschiedlicher politischer Couleur.

Natürlich ist ein Bürger mit rassistischen, antisemitischen oder fremdenfeindlichen Ansichten nicht gleich ein Neonazi. Aber er muss nicht die NPD wählen, um sich bereit zu erklären, der NPD seine Gaststätte für eine Veranstaltung zu überlassen, ihr eine Immobilie zu verkaufen oder sich dafür stark zu machen, dass eine ihrer Demonstrationen doch durch die Innenstadt gehen darf. Tagtäglich werden Rechtsextreme in Deutschland implizit oder explizit von normalen Bürgern gefördert. Die Unterstützung reicht von Ignoranz und Wegschauen bis hin zu deutlicher Hilfsbereitschaft und aktivem Einsatz.

Rechtsextreme machen den Bürgern die Unterstützung auch leichter als früher. Die NPD hat beispielsweise geschickt auf die Wirtschaftskrise reagiert, indem sie soziale Parolen in den Vordergrund ihrer politischen Überzeugungsarbeit gerückt hat. Nun weist sie in ihren sozialpolitischen Forderungen Überschneidungen mit linken Parteien auf. Der Kriminalist und Experte für Rechtsextremismus Bernd Wagner sagt, dass Neonazis heute nicht mehr an ihrer Kleidung erkennbar seien. Längst wurde die völkische Ideologie mit einer modernen Ästhetik verbunden.

Nazis haben den Naturschutz entdeckt

Neonazis haben außerdem mit ihren Angeboten längst Kindertagesstätten, Schulen und Jugendzentren, Sportclubs und Vereine gezielt ins Visier genommen. Nazis auf Biomärkten? Auch das. Sie haben den Naturschutz, den ökologischen Landbau, das neue Gesundheitsbewusstsein und den Anti-Atomkraftprotest für sich entdeckt. Der Bayrische Rundfunk (Report München) zeigte neulich wie eine Zeitung mit dem harmlosen Namen Umwelt und Aktiv unter dem Öko-Deckmäntelchen rechtsextremes Gedankengut verbreitet. Unter den Autoren sind führende Neonazis. „Autonome Nationale Sozialisten“ aus dem ländlichen Raum in Schleswig-Holstein starteten in diesem Jahr eine Kampagne, in der die Logos und Symbole der Umweltbewegung dreist imitiert wurden. Der Experte für Rechtsextremismus, Andreas Speit, erklärt das Denkmuster der Rechtsextremen: „Der Grundgedanke ist hier: Umweltschutz ist Heimatschutz ist Volksschutz.“

Längst treten Neonazis also nicht mehr nur als sprachamputierte, kahlgeschorene und angetrunkene Hooligans auf Dorffesten auf. Sie haben sich gewissermaßen professionalisiert und einen bürgerlichen Habitus angenommen. Sie sind in die Amtsstuben, die Polizeireviere, in Schulen und andere Ausbildungsstätten und in die Lebensmittelbranche eingedrungen und haben sich Protestbewegungen angeschlossen. Sie sind im Bürgertum angekommen.

Quelle: Die Zeit 21.12.2011 - http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2011-12/neonazis-gesellschaft-buergerlichkeit

Rechtsextreme in der Mitte der Gesellschaft

Gemeinsam gegen Gewalt von Rechts – Pressekonferenz der Bündnisse gegen Rechts im Kreis Euskirchen

Die beiden Bündnisse gegen Rechts im Kreis Euskirchen wollen künftig zusammenarbeiten, um sich mit Aufklärungsarbeit und Aktionen für Toleranz und ein friedliches Miteinander einzusetzen

Wollen sich gemeinsam gegen Gewalt von Rechts einsetzen: Valerie Vivienne Nitsche (v.l.), Franz Josef Mörsch, Peter Schongen, Pierre Mosbeux, Ata Seker und Nathalie Konias. Bild: Tameer Gunnar Eden/Eifeler Presse Agentur/epa

Wollen sich gemeinsam gegen Gewalt von Rechts einsetzen: Valerie Vivienne Nitsche (v.l.), Franz Josef Mörsch, Peter Schongen, Pierre Mosbeux, Ata Seker und Nathalie Konias. Bild: Tameer Gunnar Eden/Eifeler Presse Agentur/epa

Kreis Euskirchen – „Es darf nicht sein, dass bei uns Menschen unterdrückt werden wegen ihrer Hautfarbe, Nationalität oder Religion“, konstatierte Peter Schongen, Referent im Büro der Regionaldekane Düren/Eifel, bei einer gemeinsamen Pressekonferenz der zwei Bündnisse im Kreis Euskirchen gegen Rechtsextremismus. Während das in Euskirchen gegründeten „Bündnis – Eifel gegen Rechts“ bereits seit Mai vergangenen Jahres existiert, hatte sich das „Eifeler Bündnis gegen Rechtsextremismus, Rassismus und Gewalt“ erst Ende November in Schleiden gegründet. Die Bündnisse wollen künftig zusammenarbeiten, um sich für ein friedliches Miteinander und Aufklärungsarbeit in Sachen Rechtsextremismus einzusetzen.

Nathalie Konias vom „Bündnis – Eifel gegen Rechts“: „Jeder kann sich bei uns wiederfinden und Gesicht zeigen gegen Braun.“ Ob streng katholisch oder muslimisch – gemeinsam wolle man gegen Gewalt von Rechts vorgehen: „Wir müssen aktiv werden, weil die rechte Szene auch aktiv geworden ist.“ So sei eine 16-jährige Schülerin auf ihrem Heimweg mitten in der Euskirchener Innenstadt von drei Neonazis festgehalten, sie und ihre Familie mit dem Tod bedroht worden.

Peter Schongen berichtete von Nazi-Schmiereien, konnte aber auch Positives vermelden: „Obwohl wir erst seit drei Wochen bestehen, verzeichnen wir bereits 150 Personen und 50 Institutionen, die uns unterstützen.“ Schongen ist auch Geschäftsführer und Ansprechpartner beim „Eifeler Bündnis gegen Rechtsextremismus, Rassismus und Gewalt“.

Ata Seker, Integrationsbeauftragter des Kreises Euskirchen und im Arbeitskreis des „Eifeler Bündnisses“, sagte: „Ich bin seit 35 Jahren in Deutschland, habe seit 20 Jahren einen deutschen Pass. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass 95 Prozent der Deutschen freundlich und offen sind, aber die anderen fünf Prozent können alles kaputt machen!“

Bürgerschaft aktivieren

Peter Schongen bestätigte: „Teile unserer Gesellschaft wollen die Demokratie auflösen. Wir fordern Bürger, Institutionen, Vereine, Religionsgemeinschaften und Unternehmen auf, etwas dagegen zu tun und bei uns mitzumachen.“ Erklärtes Ziel ist, die Bürgerschaft zu aktivieren, sich gegen die rechte Szene einzusetzen.

Nicht nur die große Resonanz in der Presse und bei der Bevölkerung werte er als gutes Zeichen, sondern auch die Bereitschaft zweier regionaler Banken, das Bündnis finanziell zu unterstützen sowie das Angebot von Regionaldekan Pfarrer Erik Pühringer, 2000 Euro „Startkapital“ bereitzustellen.

Geplant sind Konzerte und Integrationsfeste, aber auch Aufklärung durch Vorträge und Arbeit in Schulen. Das „Bündnis – Eifel gegen Rechts“ habe bereits ein Infofaltblatt „Was tun gegen Rechts“ erstellt. Pierre Mosbeux von „art Eifel“ ist in beiden Bündnissen aktiv: „Es geht uns um Verständnis und Toleranz.“ Valerie Vivienne Nitsche ergänzte: „Wir stehen für Akzeptanz von Vielfalt, das ist eine große Chance für die Allgemeinheit.“ Auch Franz Josef Mörsch ist bereits in beiden Bündnissen aktiv.

Verschwiegen wurde aber nicht, dass man sich noch am Anfang befinde und erst einmal Netzwerke bilden müsse – keine leichte Aufgabe bei einem Gebiet, das durch den Altkreis Schleiden, Kreis Euskirchen sowie zwei Bistümer (Aachen und Köln) sowie zwei Caritasverbände vielerlei Grenzen habe, so Schongen. Das nächste Treffen des „Eifeler Bündnis gegen Rechtsextremismus, Rassismus und Gewalt“ finde am Freitag, 13. Januar 2012, um 17 Uhr im evangelischen Gemeindezentrum Kall, Aachener Str. 49, statt.

Ansprechpartner für das „Eifeler Bündnis gegen Rechtsextremismus, Rassismus und Gewalt“ ist Peter Schongen, Telefon 0 24 21/2 80 20, E-Mail: peter.schongen@bistum-aachen.de

Ansprechpartnerin für das „Bündnis – Eifel gegen Rechts“ ist Nathalie Konias, Telefon 0 24 43/9 04 80 00, E-Mail nkoni@t-online.de

Quelle: http://www.eifelerpresseagentur.de Eifeler Presse Agentur/epa

Weitere Presseartikel über die Pressekonferenz

http://www.euskirchen-online.ksta.de/html/artikel/1324377085130.shtml


http://www.rundschau-online.de/html/artikel/1324377085394.shtml